von Arne Bicker

Die Aufregung war groß, als im Sommer 2023 ein wenige Sekunden langer Videoschnipsel nahe legte, dass in einem Wald bei Kleinmanchow, südlich von Berlin, eine Löwin umherstreifte. Löwin deshalb, weil das Tier, im Halbdunkel schräg aus größerer Entfernung mit einem Handy beim Wühlen im Waldboden gefilmt, keine Mähne hatte. Logisch.

Es folgte eine tagelange Suche unter Zuhilfenahme von  Drohnen und Hubschraubern, Wärmebildkameras, berittenen Elefantenpatrouillen und US-amerikanischen Spionagesatelliten. Doch kurz bevor der erste Berliner Kammerjäger mit Kammerflimmern eingeliefert werden konnte oder die gewohnt kurzsichtige Bundesregierung die vollständige Entlaubung aller Brandenburger Forstgebiete mit Agent Orange anordnete, gab ein weitsichtiger Führer einer der vielen Polizeihundertschaften urplötzlich Entwarnung.

Was der Öffentlichkeit in der Folge vorenthalten wurde: Das Wildschwein, dass sich als Löwin ausgegeben hatte, hatte sich selbst gestellt. Die Polizeiführung und der grundsätzlich für absolut Alles zuständige Bundesfinanzminister Lindner beschlossen daraufhin, diesen Umstand in den Speckmantel des Vergeigens zu hüllen, um die herzklabusternde Panikmache zu verwischwaschen und solchermaßen konjunkturschwächende Mengenrabatte bei Herzschrittmachern zu vermeiden.

Einem investigativen Rechercheverbund aus den Tageszeitungen Rein-Raus-Ruhr-Nachrichten, Pankower Peinlichkeiten und Potzdamer Pinzette sowie des Hörfunksenders TifNO (Tierfunk Nord-Ost) gelang es gleichwohl nach Auswertung tausender Seiten Datenmaterials, der sogenannten Kleinmanchow-Papers, das unter Androhung eines saftigen Verwarnungsgeldes in den Wald zurückgejagte Wildschein ausfindig zu machen. Nach der Zusicherung, seine wahre Identität nicht preiszugeben, erklärte sich Wilma, so der Deckname, bereit zu einem Interview auf einer einsamen Waldlichtung bei ….

Frage: Frau Wilma, wie in Herrgottsnamen sind Sie auf die Idee gekommen, sich als Löwin auszugeben?

Wilma: Ach wissen Sie, das ist ehrlich gesagt eher einfach so passiert. Ich könnte ja sagen, ich war auf dem Weg zu einem Maskenball. Oder ich wollte Sammy, dem Kaiman, Kuno dem dackelfressenden Killerwels, der in ein Tretboot verliebten Schwänin Petra oder Kora, der Monokelkobra aus Herne im deutschen Sommerloch Ness nacheifern – aber nein, ich bin nur, was ihr Menschen aus mir gemacht habt.

Frage: Können Sie sich denn erklären, warum es dann ausgerechnet eine Löwin sein musste?

Wilma: Naja, eine Giraffe hätte wohl schlecht gepasst, finden Sie nicht? Ich muss ja zugeben, mein Mann Karl-Heinz sagt immer, ich solle beim Wühlen im Waldboden mein Hinterteil nicht so aufreizend rausstrecken. Er meint, das würde nur andere Keiler oder menschliche Wildschweine anlocken. Ich persönlich empfinde das ja nicht so. Ich hatte in der fraglichen Nacht so einen wunderbaren Trüffelgeruch in der Nase – ausgegraben habe ich dann aber nur die Staniolverpackung einer belgischen Praline. Ihr Menschen verscherbelt für teuer Geld Strohhalme aus Glas oder Edelstahl, aber Euren Müll schmeißt ihr nach wie vor einfach in den Wald und sonstwohin.

Frage: Aber jetzt mal ehrlich – Sie haben in der fraglichen Szene schon ein bisschen die Körperspannung einer Löwin angenommen?

Wilma [grinst]: Klar, weil ich innerlich auch eine Löwin bin. Also eine Löwin im Wildschweinpelz, wenn Sie so wollen. Aber wenn ich versuche zu brüllen, dann kommt doch nur ein trockenes Röcheln raus. Da kann ich niemandem ein X für ein U vormachen, da stößt mein Amphibientheater quasi an sein Grenzen. Nur die Angst von Euch Menschen im Wald, die hat uns tierischen Spaß bereitet. Einmal hat sich ein Zwerghase hinter einen Polizisten geschlichen und nur ganz leise „Buh“ gerufen – und der Bulle ist dann in Todesangst wie von der Tarantel gestochen vorwärts gehechtet und dadurch mit dem Kopf an eine Eibe geknallt. Das war ein Spaß!

Frage: Aber eine Wildschwein-Bache auch, wenn sie ein Löwinnenherz hat, mit einer echten Löwin zu verwechseln – das ist doch nicht normal…

Wilma: …Was ist schon normal bei Euch Menschen? Eure Augen können nur noch kleine Hochkantbildschirme aus der Nahdistanz klar erkennen, dazu kommen eine 24 Stunden täglich hyperventilierende Sensationsgier und schlechte Bildung. Einmal hat mich ein kleines, etwa vierjähriges Mädchen aus einer Waldkindergartengruppe entdeckt und gerufen: „Schaut mal, ein Teletubbie!“ Diese Stadtkinder glauben ja auch, Kühe wären lila. Und von den Biologiestunden bekommen sie immer nur die ersten 30 Sekunden mit, oder wie weit diese Tik-Tok-Aufmerksamkeitsspanne eben reicht.

Frage: Die Kids können auf ihren Handys immerhin „Wildschwein“ bei Google eingeben.

Wilma: Ja genau, als ob sie das täten. Und wenn, dann erscheint wahrscheinlich an erster Stelle ein Foto von diesem Möchtegern-Volkstribun aus Thüringen! Ein gefährlicher Problem-Mensch aus unserer Sicht als Tiere. Und da, muss ich schon sagen, hört der Spaß auf. Diesen Grad an Entwürdigung dürfen wir Waldtiere nicht auf uns sitzen lassen. Wir haben bereits eine gepfefferte Protestnote an den NaBu geschickt.

Frage: Wie denn das, per Post?

Wilma: Und den Brief in eine Spechthöhle eingeworfen? Sehr witzig. Wir haben das Papier vor eine Wildtierkamera gehalten und dann mit dem Kopf gewackelt.

Frage: Clever. Ist das Leben im Wald nicht überhaupt sehr hart, vor allem im Winter?

Wilma: Da können Sie einen drauf lassen. Aber wir Wildschweine sind eben echte Resilienz-Spezialisten: Minustemperaturen, Schweinegrippe, Vogelwahnsinn, Corona, Löwenvergleiche, Hasenpest, Bienengift und Fliegenpilz – das alles nehmen wir mit Links.

Frage: Höre wir da eine Aversion gegen die AfD heraus?

Wilma: Meinen Sie das ernst? Ich sage Ihnen mal was: Wenn Deutsche, die schließlich den Nationalsozialismus erfunden und damit die Welt auf Allerübelste terrorisiert haben, meinen, dieses Andere-in-den-Abgrund-Stoßen sei jetzt zur Abwechslung mal wieder fällig, dann ist das nicht dumm, sondern im Trump’schen Sinne krank. Eine demokratische Partei, die die Demokratie abschaffen will? So was könnt auch nur Ihr glauben. Ein Ihrglauben quasi, haha, Wortspiel. Im Ernst: Wer Faschisten für demokratisch hält, der glaubt auch eine Löwin zu sehen, wenn ich im Wald wühle.

Frage: Und da schließt sich Ihrer Meinung nach der Kreis?

Wilma: Der Kreislauf des Wahnsinns, ja. Ihr sagt ja selbst, dass Ihr eine Ampel als Regierung habt, also eine Art Lichtorgel, die permanent zwischen „Stopp“, Weißnichtsorecht“ und „Jetztfahrhaltdudepp“ herummäandert, mit einem Chef, gegen den das Phantom der Oper ein omnipräsenter Strippenzieher ist. Genießt lieber dieses Kasperletheater, solange Ihr das noch könnt. Oder macht es wenigstens ein bisschen besser – dann wenden sich hoffentlich viele von Euch Algorithmussklaven wieder von dieser Von-Wegen-Alternative im Schafspelz der Demokratie ab.